Sonntag, 26. April 2009

Novalis-Relief von Peter Lampasiak

Im Februar 2009 wurde in der Freien Waldorfschule Braunschweig ein mehrteiliges Lindenholzrelief von Peter Lampasiak enthüllt. Auf neun Holztafeln finden sich unzählige Motive aus dem so genannten Märchen "Eros und Fabel" von Novalis. Es handelt sich dabei um eine Erzählung, die man gegen Ende des ersten Teiles des Romanfragmentes "Heinrich von Oferdingen" im 9.Kapitel findet.

Schon die äußere Gestaltung des Reliefs entfaltet eine beeindruckende Wirkung. Um eine große, achteckige mittlere Tafel gruppieren sich acht fünfeckige Relieftafeln. Das Ganze entfaltet sich wie ein gewaltiges Sonnenrad auf einer hohen, großflächigen Wand in der oberen Eingangshalle des Mittelstufenbaus unserer Schule, welcher den Namen "Novalishaus“ trägt.

Jedes Holzelement stellt für sich ein eigenständiges Kunstwerk dar. Alle Flächen sind fein plastisch durchgestaltet; jede Figur ist liebevoll und ausdrucksstark herausgearbeitet. Das helle Lindenholz strahlt in zartem Lichtglanz. Die Anordnung der einzelnen Gestalten bewirkt einen lebendig-dynamischen Gesamteindruck jeder einzelnen Tafel. Das dominierende Mittelteil ist in den plastischen Höhen und Tiefen noch stärker betont, die Figuren sind etwas größer dargestellt als im Umkreis. Dadurch tritt die Mitte besonders hervor und trägt aus sich heraus das ganze Kunstwerk mit seinen vielen Teilen und Gestaltungen.

Drei Figuren treten in der Mitte deutlich in den Vordergrund: Eros, Fabel und Freya. Es ist damit das Ende des Märchens dargestellt: Eros vermählt sich mit Freya, darüber schwebt Fabel. Oder aus der Bildsprache in die Begriffssprache übersetzt: Die menschliche Individualität (Eros) hat die Freiheit errungen (Freya) durch die Kunst (Fabel). Anders ausgedrückt: Erziehung des Menschen zur Freiheit durch die Kunst. So wird der waldorf-pädagogische Zusammenhang deutlich.

Die Aufgabe der Kunst

In der Waldorfpädagogik wurde im 20.Jahrhundert das verwirklicht, was als Idee in der Zeit der Klassik bewegt wurde. In der Zeit um das Jahr 1800, der Goethe-Schiller-Zeit, beschäftigte die Menschen zum ersten Mal bewusst die Frage, welchen Wert die Kunst überhaupt für das Leben der Menschen habe. Es war die Zeit der Französischen Revolution, in der man alle gesellschaftlichen Verhältnisse umstülpen und so den Menschen zur Freiheit führen wollte.

Schiller schrieb damals die berühmten „Briefe zur Ästhetik“. Er führte darin aus, wie das Künstlerische allein den Menschen in seinem tiefsten Inneren erreichen und in seiner Entwicklung voranbringen kann. Und nur so - über die Erziehung der Menschen – könne auch die Welt in positiver Weise verändert werden. Weder Wissenschaft und Verstand, noch die Hingabe an die Natur könnten das bewirken. Allein die Schönheit, das Spielerische, das Ästhetisch-Künstlerische ergreift den Menschen wirklich.

Die Kunst steht nach Schiller immer in der Mitte, sie vermeidet eine zu enge Bindung an die physische, irdische Welt, aber auch ein Sich-Verlieren im Fantastischen. Sie steht zwischen den strengen Gesetzen von Abstammung, Schicksal und Naturnotwendigkeit, die keinen Freiraum oder Ausweg lassen, und einer zu freilassenden Willkür. So betrachtet, führt die Kunst den Menschen zur wahren Freiheit, weil sie es ihm ermöglicht, seinen eigenen Weg zu finden, der immer neu und individuell ist.

Novalis bewegte die selben Gedanken in seinem Herzen und ihm gestaltete sich das Ganze beim Blick in die Natur und in die Wirklichkeit der Menschenseele zu einem bilderreichen Schauspiel, einem „Märchen“.


Die Motive

Die Geschichte beginnt in einem himmlischen Reiche, das hoch im Norden liegt. Fast alles ist zu Eis erstarrt. Dort herrscht im Sternenreigen der König Arctur. Seine Tochter Freya - Frieden oder Freiheit - ruht bzw. schläft. Von ihr strahlt ein sanftes Licht aus, das in der unbestimmt langen Nacht die Welt erhellt.

Ein himmlischer Held schleudert auf Befehl Arcturs sein Eisenschwert wie einen Kometen in die Erdenwelt hinab. Sternschnuppenartig sinken die Eisen-Lichtfunken herab und bewirken gewaltiges Geschehen im Irdischen.

Dort unten im Erdenhaus schläft noch der schöne Knabe Eros - die junge Menschenseele . Als er mit dem himmlischen Eisen in Berührung kommt, erwacht er und wächst unversehens zum Jüngling heran. Eine heilige Frau, Sophie - die Weisheit-, reicht ihm aus ihrer Schale das Wasser des Lebens. Er gewinnt an Kraft, legt sich eine Rüstung an und macht sich auf eine Entwicklungsreise, begleitet von seiner Amme Ginnistan - der Phantasie. Sie führt ihn in ihres Vaters Reich, das Reich des Mondes. Dort erlebt er den vielfältigen Reigen der Naturelemente und man führt ihm ein grandioses, dramatisches z.T. auch apokalyptisches Welten-Schauspiel vor.

Während Eros in der Monden-Traumwelt verweilt, geschieht in seiner Erdenheimat Schreckliches. Der „Schreiber“ - der wissenschaftliche, sachlich kühl berechnende Verstand - übernimmt die Macht. Er nimmt alle Wesen gefangen und tötet die Mutter - das warmherzig in der Welt wirkende Gemüt. Er verbrennt sie sogar auf einem Scheiterhaufen. Doch dieses gewaltige Feuer beginnt nun - gar nicht im Sinne des Schreibers - das himmlische Gottesreich zu erwärmen und erhellen: „Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt.“ Noch immer aber schläft dort die Prinzessin Freya.

Nun hat Eros eine "Milchschwester", d.h. ihre leibliche Mutter, Ginnistan, nährte auch ihn. Ihr Name ist Fabel – gemeint ist die Poesie oder überhaupt die Kunst. Sie wird so geschildert, dass sie immer ein Kind bleibt. Einmal wird sie von der Sphinx gefragt: „Wo kommst du her?- Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind? - Und werde ewig ein Kind sein, antwortet sie.“

Der Fabel gelingt es zu entfliehen, als der Schreiber die Macht an sich reißt. Dabei gerät sie in die Tiefe, in ein uraltes Schattenreich. Dort sitzen drei Schwestern, sie spinnen die Schicksalsfäden der Menschen und schneiden vor allem unerbittlich mit ihrer Schere die Lebensfäden ab. In diesem Reich herrscht noch der Zwang der unerbittlichen Notwendigkeit, des alten Gesetzes.

Dort steht auch eine besondere Lampe, sie saugt alles Licht auf, damit es immer dunkel bleibt. Wenn man sie löscht, dann wird es unerträglich hell. Das Öl dieser Lampen ist das Gift von Spinnen, von Taranteln. Als die alten Spinnerinnen von Fabel verlangen, dass sie noch mehr Gift besorgen solle, wird ihnen ihre eigene Unmäßigkeit zum Verhängnis. Sie werden von den Taranteln ausgesaugt. Damit hat das Schattenreich sein Ende gefunden. Das Gesetz alter Zeiten hat sich selbst aufgelöst.

Nun sind die Voraussetzungen für ein glückliches Ende geschaffen. Eros hat seinen Ausflug in das Mondenreich überstanden und wichtige Erfahrungen gemacht. Fabel soll ihn in das Reich des Geistes begleiten. Dort wird er seine Braut, Prinzessin Freya, erwecken und sich dann mit ihr vermählen: „Wirf das Schwert weg, rief Fabel, und erwecke deine Geliebte! Eros ließ das Schwert fallen, flog auf die Prinzessin zu, küsste feurig ihre Lippen. Sie schlug ihre großen dunklen Augen auf und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.“

So wird die sich entwickelnde, die irrende und abschweifende Menschenseele durch die Kunst dahin geführt, dass sie sich mit der Freiheit vermählen kann.

Ein Geschenk des Künstlers

Peter Lampasiak, Gründungslehrer der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld, hat das Holzrelief mit den geschilderten Motiven der Freien Waldorfschule Braunschweig geschenkt. Die Enthüllung erfolgte zwei Monate nach dem 80.Geburtstag dieses so viel geliebten und geschätzten Waldorflehrers. In einem Interview äußerte er sich selbst zur Entstehungsgeschichte des Reliefs: „Das hat sich ergeben, als ich hier mit großer Freude zwei Gastepochen geben konnte. ... Und dann habe ich natürlich diesen Raum gesehen... So bot sich das ja an: durch den Namen Novalis, ein Novalishaus im Zusammenhang mit einer Schule. Bei Novalis geht es auch sehr stark um Erziehung: Einmal wird alles Erziehung sein, aber die ersten müssen sich selbst erziehen. Also da kam mir die Idee: Für diesen Bau, für dieses Haus, für diese Schule mit den herrlichen Kindern machst du etwas. Und so ist es allmählich entstanden.“

Dieter Centmayer, Freie Waldorfschule Braunschweig



NOVALIS

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