Samstag, 19. September 2009

Schicksals-Spinnerinnen

Die Kräfte, die bei den alten Schwestern auftreten, wirken für den Menschen schicksalgestaltend. Ihre Waffe ist die Schere. Damit schneiden sie Lebensfäden und Lebenszusammenhänge ab. Sie können keine harmonischen Lebensabläufe mehr gestalten.

Auf der Menschenebene treten die gleichen Kräfte im Schreiber als intellektuelle Verstandeskräfte auf.

Geistig betrachtet sehen diese Kräfte wie Spinnen aus. Auch sie weben Fäden, es sind damit die Gedankenfäden gemeint. Sie weben ein glänzendes Netz über die Natur, ganz wie sie sich in Form der Wissenschaft über die Natur legen.

Nun soll Fabel diese Gedankenkräfte hinabführen in die Unterwelt.

Die Gedankenkräfte können in Form der „Kritik“ z.B. etwas Zerstörerisches haben. Dann wirken sie „giftig“, ertötend.

Die Spinnerinnen arbeiten immer nur im Schein dieses Giftes. Was einerseits die schwarze Sonne vor der Höhle ist, das ist in der Höhle das schwarze Licht der Spinnengift-Laternen.

Nun sind die Gedanken überwiegend zu lebensfeindlichen Kräften geworden. Durch ihre Metamorphose in den tieferen Lebenskräften, wirken sie schicksalsgestaltend. Man könnte gesiteswissenschaftlich auch sagen, dass die Art der Gedankengestaltung von heute die Lebensbedingungen der Zukunft werden.

Nun soll Fabel diese Gedankenwesen in die Tiefe hinabführen. Ihr, als der Verkörperung der Kunst, können die Spinnen nichts Negatives anhaben. Im Gegenteil, sie musiziert und die Spinnen bewegen sich im Takte. Durch sie beginnen sich die Gedanken künstlerisch zu formen. Sie führt somit lebendige Gedanken hinab ins Totenreich.

Mit den lebendigen Gedanken kann sie die negativen Kräfte besiegen. Nichts fürchtet die Wissenschaft so sehr, wie eine klares, aber auch lebendiges Denken. Sie will eigentlich immer nur von dem giftigen, tötenden Aspekt des Denkens leben.

Es gehört zu des Menschen größten Aufgaben Selbsterkenntnis zu üben. Dabei steigt er in seine eigenen Wesenstiefen hinab und dafür braucht er ein sicheres, gedankenklares Denken. Die Kräfte in den Wesenstiefen wollen im Finstern wirken, nicht im Bewussten. Die Entlarvung im Lichte eines hellen Bewusstseins ist für sie gefährlich, deshalb erschrecken die drei Spinnerinnen, auch so sehr, als Fabel wirklich mit den Spinnen kommt. Sie wollen Fabel mit ihrer Schere bekämpfen. Aber nun werden sie selbst von den Taranteln gestochen. Die Schärfe der ertötenden Gedankenkraft trifft sie selbst. Sie wollen das Gift loswerden und beginnen nun in Panik zu tanzen, um es wieder auszuschwitzen. Dadurch geraten sie selbst in Bewegung.

Bevor sie ganz am Ende sind verlangen sie nach einem neuen Kleid. Die alte Wissenschaft will sich ein neues Mäntelchen anziehen. Sie versucht sich also mit einem neuen farbigeren, zeitgemäßen Gewand zu schmücken. Dieses ist leichter als das schwere alte Gewand. Damit haben sie sich aber auch aller Macht begeben. Die Spinnen saugen sie bis aufs Mark aus.

Fabel vollbringt im Grunde im „Märchen“ die entscheidende Tat. Es ist die Kunst, die eben auch mit Gedankenkräften arbeitet, die in der Lage ist, Erstarrung und Abhängigkeit von alten Gesetzen zu überwinden. Das wird ind er Zukunft zu neuen harmonsichen Schicksalsgestaltungen führen.

„Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron (König Arcturs) verwandeltund war ein prächtiges Hochzeitsbett geworden....Drei Karyatiden aus dunklem Porphyr trugen es hinten, und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt.“

Mit den drei Karyatiden sind wohl die verwandelten Spinnerinnen gemeint.

Alle Materie ist geisteswissenschaftlich betrachtet die Wiederspiegelung, Folge oder Verkörperung des menschlichen Denkens. Das Denken wird in dieser Metamorphose zum Fundament für die Menschheit der Zukunft.

Montag, 13. Juli 2009

Der Hinabstieg von Fabel zu den alten Schicksalswesen

Wenn der Mensch auf die Vergangenheit blickt, dann sieht er, wie die Schicksalskräfte wirken. Er blickt in die Natur und erfährt das Wirken der Naturgesetze, die auch mit eiserner Notwendigkeit und Logik wirksam sind. Er blickt auf die Gesetze und erfährt, wie es alle Lebensverhältnisse zu regeln versucht. Er kennt das aus der Tradition stammende „Du musst“ und „Du sollst“. Alle diese Dinge hatten in der Vergangenheit eine menschen- und kulturgestaltende Bedeutung.

Ihre Aufgabe hat sich erschöpft und erfüllt. Seit dem Opfertod Christi ist ihre Aufgabe erfüllt, so wie in der Erziehung eines Kindes die Eltern irgendwann auch ihre Aufgabe erfüllt haben, weil die Heranwachsenden selbstständig geworden sind und nun ihren Lebensweg alleine gehen können.

Heute trägt der Mensch die Kräfte in sich, die ihm früher von außen helfen mussten. So war auch die Aufgabe der Sonne früher eine andere, als sie es heute ist. Die Dinge kehren sich um. Strahlte früher im Sonnenlicht von außen wirkende Geistesmacht an den Menschen heran. So wirkt diese Geistesmacht heute nicht mehr von außen, sie wirkt von innen. Eine Sonnenverehrung oder -anbetung, wie sie früher eine gewisse Berechtigung hatte, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Nur noch physisch strahlt die Sonne heute in einem hellen äußeren Licht. Wenn man es mit geistigen Begriffen beschreiben wollte, dann müsste man die Sonne als „schwarz“ beschreiben, da von ihr seit Christi Zeiten nicht mehr der gütige Gottesgeist auf die Menschheit herabscheinen kann. Längst weilt er an einem anderen Ort. Die Sonne als Sinneseindruck ist – man möge die Schärfe der Formulierung verzeihen – eigentlich eine Unwahrheit, eine Vergangenheit, nur noch ein totes Bild. Sie ist wahr als vergangenes Fundament unseres Seins. Insofern ist sie eine Notwendigkeit. Aber in ihr liegt keine Zukunft.


Und den gleichen Charakter haben alles Physische, Materielle, Leibliche, eben alle Grundlagen unserer irdischen Existenz. Aber sie sind heute geist-fern und können dem Leben nicht mehr weiterhelfen.


Wo Menschen noch nach alten Kräften leben, geraten ihre Verhältnisse durcheinander. Ihre Lebenszusammenhänge verknoten sich, sie brechen ab, geraten in Sackgassen. Es weben sich die Menschenleben nicht mehr harmonisch an- und ineinander, da das verbindende Band des wahrhaft leuchtenden Geistes fehlt.

Diese Kräfte sitzen heute in einer Höhle, in die kein lebendiges Licht mehr hineinscheint. Dort arbeiten sie unermüdlich weiter.


Es sind drei Wesensformen, die des Denkens, Fühlens und Wollens. Aber es ist ein Denken, das sich nur an den Sinneseindruck anbindet – die moderne Wissenschaft, das Fühlen, das ..... und ein Wollen, das den Eigennutzen in den Vordergrund stellt. Das sind die schicksalwebenden Kräfte, die in Finsternis walten und ihren Ausgangspunkt heute in der Kopfhöhle haben. Dieses Fühlen erlebt seinen Reflex auch nicht mehr im Herzen, sondern nur noch im Haupte. Das Wollen verliert seine Schöpfer-Kraft.


Durch diese Vorgänge konnte der Mensch das Gedankenleben entwickeln, seinen Verstand ausbilden. Hat er die Verstandeskräfte ausgebildet, muss er weiter schreiten und nun in Freiheit sein Bewusstsein entwickeln. An diesem Punkt stehen wir heute. Die intellektuelle Verstandeskraft ist im modernen Menschen bereits entwickelt sie ist Grundlage für zukünftige Entwicklungen, aber nicht Mittelpunkt oder Ziel.

Die alten Seelen- und Lebenskräfte sind erstorben. So ist dem Verstand selbst das Leben entwichen und er kann auch nur das Tote in der Welt und in sich erfassen.

Im Märchen ist deshalb der Tod selbst der Bruder der alten Schicksalsspinnerinnen. Und Der Schreiber, der intellektuelle Verstand, sieht diesem Bruder sehr ähnlich:


„...dir fehlt nur noch das Stundenglas und die Hippe, so siehst du ganz wie der Bruder meiner schönen Basen aus.“, meint Fabel zum Schreiber.

Alles Gehirndenken entspricht dem Alten. Man stelle sich vor, wie die Nervenstränge sich durch den ganzen Organismus wie Fäden ziehen. Wie im Gehirn die Nervenzellen ihre Verbindungen spinnenartig nach allen Seiten hin ausbilden. Es führt in die tausendfältige Differenzierung, aber nicht in die Einheit. Während beim rhythmischen System des Menschen alles immer wieder in ein Zentrum zurückfließt, in das Herz , und so Leben stiftend wirkt.


Während im Gegensatz dazu heute der Mensch lebendiges Denken, Fühlen und Wollen entwickeln muss befruchtet durch ein neues Geistesleben, welches seinen Bezug zu den geistigen Wesen bewahrt hat.


Im Märchen kann Fabel die ganzen unvollendeten Fäden nur dadurch zusammenfügen, dass sie aus der dunklen Höhle der drei alten Schicksals-Schwestern in einen Vorraum geht, wo durch Felsenritzen „ein Strahl der Oberwelt“ hereinbricht. Dabei singt sie:


„Erwacht in euren Zellen,
Ihr Kinder alter Zeit;
Laßt eure Ruhestellen,
Der Morgen ist nicht weit.

Ich spinne eure Fäden
In einen Faden ein;
Aus ist die Zeit der Fehden.
Ein Leben sollt' ihr sein.

Ein jeder lebt in Allen,
Und All' in jedem auch.
Ein Herz wird in euch wallen,
Von einem Lebenshauch.

Noch seid ihr nichts als Seele,
Nur Traum und Zauberei.
Geht furchtbar in die Höhle
Und neckt die heil'ge Drei.“



Erkennt nun die erwachte, lebendige, schöpferische Seele das Wirken der alten Kräfte in der Welt und versucht heilend und korrigierend einzuwirken, so tun sich die Abgründe auf, die in Wahrheit hinter der Fassade des alltäglichen Lebens wirksam sind. Sie findet die Ursachen für die abgerissenen, unvollendeten Lebenswege, den Unfrieden in der Welt, das Ersterben aller Lebensprozesse. Es ist als würden sich aus allen Dingen plötzlich die furchtbarsten Gespenster herauslösen, die wohl nichts der reinen Menschenseele selbst antun können, die aber die größte Bedrohung für die unzeitgemäßen Kräfte selbst darstellen, die diese Gespenster ja auch hervorgebracht haben, die aber hinter der Fassade des bürgerlichen Lebens verborgen blieben.



Anthroposophie und Waldorfschulen stellen die eine Bedrohung für die herrschenden Systeme dar. Nicht weil sie selbst irgendeine Macht besitzen oder besitzen wollen. Aber an ihnen enthüllen sich erst die Hintergründe dieser Systeme und beginnen sie selbst zu bedrohen. Sie sind wie ein Licht, das hineinleuchtet in Räume, die ansonsten verborgen bleiben müssten. Das Licht will dabei nichts für sich, es will nur selbstlos scheinen dürfen.


Im Märchen drückt sich das nun so aus:

„Unter dem Liede (s.o.)wurden unzählige Lichterchen sichtbar, die aus der Türspalte schlüpften (sie verlassen den Raum in dem Fabel ist und streben gleich in die finstere Höhle) und durch die Höhle in scheußlichen Larven sich verbreiteten. Die Alten hatten während der Zeit immer mürrisch fortgesponnen, und auf das Jammergeschrei der kleinen Fabel gewartet, aber wie entsetzten sie sich, als auf einmal eine erschreckliche Nase über ihre Schultern guckte, und wie sie sich umsahen, die ganze Höhle voll der gräßlichsten Figuren war, die tausenderlei Unfug trieben. Sie fuhren ineinander, heulten mit fürchterlicher Stimme, und wären vor Schrecken zu Stein geworden, wenn nicht in diesem Augenblicke der Schreiber in die Höhle getreten wäre, und eine Alraunwurzel bei sich gehabt hätte. ...“


Sogleich tritt wieder der intellektuelle Verstand auf und verdrängt quasi durch die Zauberkraft seiner intellektuellen Argumente diese gefährlichen Gespenster. So wie es der heutigen Wissenschaft ein Leichtes ist, durch ihre Verstandesargumente die Geisteswissenschaft zu denunzieren.


„...Die Lichterchen verkrochen sich in die Felsklüfte und die Höhle wurde ganz hell, weil die schwarze Lampe in der Verwirrung umgefallen und ausgelöscht war. Die Alten waren froh, wie sie den Schreiber kommen hörten, aber voll Ingrimms gegen die kleine Fabel. Sie riefen sie heraus, schnarchten sie fürchterlich an und verboten ihr fortzuspinnen. Der Schreiber schmunzelte höhnisch, weil er die kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte und sagte: ›Es ist gut, daß du hier bist und zur Arbeit angehalten werden kannst. Ich hoffe, daß es an Züchtigungen nicht fehlen soll.“



Samstag, 20. Juni 2009

Mensch – Mikrokosmos im Makrokosmos

Das Größte spiegelt sich im Kleinsten, das Kleinste im größten, Mikrokosmos und Makrokosmos bedingen einander. Diese Vorstellung tauchte in den Lehren der Weisen auf.

Auch das traditionelle Atombild und die Vorstellung von den Bahnen der Planeten bilden einen Zusammenklang: Es schwingen die Elektronen um den Atomkern ähnlich wie die Planeten um ihren Sonnenmittelpunkt.

Die alten Vorstellungen der Weisen gingen aber noch weiter. Man sah immer einen unsichtbaren Zusammenhang zwischen den im Umkreis und den in den kleinsten irdischen Verhältnissen wirkenden Kräften. Das höchste Geistige, das im Kosmos Wirkende findet seine Wiederspiegelung im Irdischsten, in der Materie, in Stoff und Substanz, in Stein und Metall. Das Wissen darum ermöglichte es den Alchemisten durch ihre Verbindung zum Geist auch in die Kräfte der irdischen Substanzen einzugreifen.


So gesehen sind mit den einzelnen Erdenstoffen bestimmte wesenhafte Kräfte verbunden. Und begegnen verschiedene Substanzen einander, so spielen sich lebendige Wirkungen ab, wie wenn zwei unterschiedliche Lebewesen einander begegnen und miteinander in Verbindung treten. Am gewaltigsten können diese Wirkungen sein, wenn ein weibliches und ein männliches Wesen einander begegnen.


Der Mensch kann zunächst das geistige Wirken nicht erfahren. Die Wirksamkeiten aber, die sich auf Stoffesebene abspielen, erfährt er über seine Sinne, doch diese kann er zunächst nicht verstehen. Sie zeigen sich ihm in einer Äußerlichkeit, die wohl das Innere offenbart, aber seine Wirklichkeit zugleich auch verbirgt. Der Vermittler zwischen beidem, zwischen unsichtbarer Geistigkeit und unverständlichem Irdischen ist das Seelische. In dem jedem Menschen zugänglichen, eigenen seelischen Empfindungsleben entzündet der Sinneseindruck ein Erleben. Auf dieses Erleben kann dann der menschliche Geist zugreifen, es im Bilde betrachten, und mit Worten und Begriffen kann er es ins denkende Bewusstsein erheben.


Alle materiellen Vorgänge sind Bilder seelischer Ereignisse. Und diese wiederum haben ihren Ursprung in geistigem Wesen.


So finden wir bei Novalis gleichzeitig Kosmisches und irdische Stofflichkeit auftreten. Gleich im ersten Bild sitzt im himmlischen Reich Arcturs Freya auf einem Thron aus Schwefelkristall. Diese Schwefelkraft geht dann in sie über und man kann in ihr den Schwefel zum Leuchten bringen:


„Sie lag an seidnen Polstern auf einem Throne, der von einem großen Schwefelkristall künstlich erbaut war, und einige Mädchen rieben emsig ihre zarten Glieder, die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen. Nach

allen Seiten strömte unter den Händen der Mädchen das reizende Licht von ihr aus, was den Palast so wundersam erleuchtete. ...“



Nun finden wir bei Rudolf Steiner im „Miterleben des Jahreslaufes...“ im ersten Vortrag eine passende Stelle zur Wirksamkeit des Schwefels im Menschen:


„Und so ist es tatsächlich, dass, wenn der Mensch das Jahr durchläuft, immer andere Vorgänge in seinem Organismus spielen. Dasjenige, was da spielt beim Verlauf der Hochsommerzeit, das ist ein inneres Durchwobenwerden mit dem, was, ich möchte sagen äußerlich, grobmateriell, angedeutet ist in dem Schwefel. Dies ist ein inneres Sulfurisiertwerden, das der Mensch in seinem physisch ätherischen Wesen erlebt, wenn er die Sommersonne und ihre Wirkungen miterlebt. Dasjenige, was der Mensch an für ihn brauchbarem materiellem Sulfur, Schwefel, in sich trägt, das hat für ihn während der Hochsommerzeit eine ganz andere Bedeutung als während der kalten Winterzeit oder während der aufkeimenden Frühlingszeit. Das Schwefelhafte in dem Menschen ist wie in einem Feuerungsprozesse während des Hochsommers. Und das gehört zu der Entwickelung der menschlichen Natur im Jahreslaufe, dass gewissermaßen dieser Sulfurprozess im Inneren des Menschen während des Hochsommers in eine Art besonders gesteigerten Zustandes kommt. Die Materie in den verschiedenen Wesen hat wahrlich noch andere Geheimnisse, als sich gerade die materialistische Wissenschaft träumen lässt.


So ist im Menschen alles Physisch Ätherische von innerem Schwefelfeuer, um diesen Jakob Böhmeschen Ausdruck zu gebrauchen, durchglüht während der Hochsommerzeit. Das kann auch im Unterbewussten bleiben, weil es ein sanfter, intimer Prozess ist. Aber ist dieser Prozess auch sanft und intim und daher für das gewöhnliche Bewusstsein unwahrnehmbar, so ist dieser Vorgang, wie das bei solchen Vorgängen überall der Fall ist, gerade von einer ungeheuren einschneidenden Bedeutung für das Geschehen im Kosmos.“ (GA 229, S.16)



Nun wieder zurück zum Geschehen in Arcturs Reich wie Novalis es beschreibt. Neben dem Schwefelcharakter tritt der Eisencharakter auf. Zu Freya tritt der bewaffnete „Alte Held“ herein, er verkörpert das „Eisen“:


„Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschäft emsig betrieben, als auf einmal der König voll Freuden ausrief: ›Es wird alles gut. Eisen, wirf du dein Schwert in die Welt, ...‹ Der Held riss das Schwert von der Hüfte, stellte es mit der Spitze gen Himmel, dann ergriff er es und

warf es aus dem geöffneten Fenster über die Stadt und das Eismeer. Wie ein Komet flog es durch die Luft, und schien an dem Berggürtel mit hellem Klange zu zersplittern, denn es fiel in lauter Funken herunter.


Rudolf Steiner schildert im selben Vortrag, wie nun nach dem Schwefelgeschehen vom Sommer gegen den Herbst hin das Eisengeschehen hinzutritt. Wie dieses vom Kosmos auf die Erde hereinwirkt, zugleich auch sein Spiegelbild im Blut des Menschen hat und auch seelisch dem Menschen hilft, soviel Kraft zu entwickeln, dass er Angst und Furcht besiegen kann:


„Und wenn gerade in der Hochsommerzeit aus einem gewissen Sternbilde die Meteorsteine herabfallen in den mächtigen Meteorschwärmen, wenn das kosmische Eisen auf die Erde herabfällt dann ist in diesem kosmischen Meteoreisen, in dem eine so ungeheuer starke heilende Kraft liegt, die Waffe der Götter enthalten .... . Und dasjenige, was sich da räumlich in majestätischer Größe abspielt draußen im Weltenall, wenn die Augustschwärme der Meteoriten hineinstrahlen in die Menschenstrahlungen im Astrallichte, dasjenige, was sich da grandios draußen abspielt, das hat sein sanftes, scheinbar kleines, eben nur räumlich kleines Gegenbild in demjenigen, was im menschlichen Blute vor sich geht. Dieses menschliche Blut, das wird wahrhaftig nicht auf so materielle Weise, wie es sich die heutige Wissenschaft vorstellt, sondern überall auf Anregungen des Geistig Seelischen hin durchschossen, durchstrahlt von demjenigen, was als Eisen in das Blut hineinstrahlt, was Angst, Furcht, Hass bekämpfend sich als Eisen in das Blut eingliedert. Die Vorgänge, die sich in jedem Blutkörperchen abspielen, wenn die Eisenverbindung hineinschießt, die ist menschlich, im ganz Kleinen, minuziös dasselbe, was sich abspielt, wenn der Meteorstein leuchtend, strahlend durch die Luft heruntersaust. Meteorwirkungen im Inneren des Menschen sind die Durchstrahlungen mit dem Eisen, die für das Blut und seine Entängstigung geschehen. Denn eine Entängstigung, eine Entfürchtung ist es, was da mit dem Eisen hineinstrahlt.“


Im Menschen führt das bewusstseinsmäßig zu einem Erwachen. Während er durch die Wirkung der Sommerkräfte eher zu einem träumenden, schlafenden Bewusstsein neigte, so führen nun diese neuen Herbst-Eisen-Blut-Kräfte zu einem Wachwerden und einem starken Wachsen menschlicher Kräfte. Diese Kräfte helfen dem Menschen in besonderer Weise zum Geiste zurückzufinden. Sie bedeuten das eigentliche Wesen der „Re-ligion“. So wie eine eiserne Kompassnadel in der Welt in immer gleicher Weise in der Lage ist, dem Menschen den Weg zu weisen, so können die Eisen-Mutkräfte dem Menschen in jeder Lage den richtigen Weg zu ihrem geistigen Ursprung weisen.


Bei Novalis entfaltet sich sinngemäß nun im Irdischen eine gewaltige menschliche Wirksamkeit, die ihren Repräsentanten besonders in „Eros“ hat. Das zunächst wie

eine Kompassnadel wirkende Eisen verwandelt sich in der Hand des Menschen sofort in etwas Lebendiges, Bewegtes, was Novalis mit dem Bilde einer Schlange ausdrückt. Darin können wir die lebendige Bewegung und Strömung in unseren Blutadern abgebildet empfinden. Und sogleich ist es im Märchen vorbei mit der untätigen Ruhe. Das erwachte Bewusstsein bricht auf zu neuen Erfahrungen: Es macht sich auf die „Reise“:


„Auf einmal brachte der Vater ein zartes eisernes Stäbchen herein, das er im Hofe gefunden hatte (Es handelt sich um die Wirkung des oben vom Helden in die Welt geschleuderten Eisenschwertes). Der Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum, und brachte bald heraus, dass es sich von selbst, in der Mitte an einem Faden aufgehängt, nach Norden drehe. Ginnistan nahm es auch in die Hand, bog es, drückte es, hauchte es an, und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben, ... Zuweilen berührte sie die Wiege damit, da fing der Knabe an, wach zu werden, schlug die Decke zurück, hielt die eine Hand gegen das Licht, und langte mit der andern nach der Schlange. Wie er sie erhielt sprang er rüstig, dass Ginnistan erschrak, und der Schreiber beinah vor Entsetzen vom Stuhle fiel, aus der Wiege, stand, nur von seinen langen goldnen Haaren bedeckt, im Zimmer, und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod, das sich in seinen Händen nach Norden ausstreckte, und ihn heftig im Innern zu bewegen schien. Zusehends wuchs er.

... Eros kam bald in schöner Rüstung, um die das bunte Tuch wie eine Schärpe gebunden war, zurück, und bat Sophie um Rat, wann und wie er seine Reise antreten solle.“



So erleben wir die neu erwachte und nun stetig wachsende, frische Bewusstseinskraft des Menschen, wie sie sich vorbereitet, auf ihre Lebens- Erfahrungsreise zu gehen.


Samstag, 13. Juni 2009

Rudolf Steiner über Novalis und die Romantiker

Aus: Rudolf Steiner:

Biographien und Biographische Skizzen“ GA 33


"...Die Vertiefung des Seelenlebens, deren die Romantik fähig war, trat zutage durch die eigentlichen Dichter des deutschen Gemütes: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, und Josef von Eichendorff. Aus wunderbar zarten und tiefen Empfindungen heraus schrieb Novalis seine "Hymnen an die Nacht" (1797). Die tiefen Schmerzen, die ihm der Tod seiner Braut verursacht hatte, und die Sehnsucht nach dem eigenen Ende strömte er in diesen, von höchstem Schwunge der Phantasie eingegebenen Liedern aus. In seinem zur Zeit der Kreuzzüge spielenden Roman "Heinrich von Ofterdingen" gewannen die Empfindungen der romantischen Geistesart ihren bezeichnendsten Ausdruck.


Leben in Gebärden einer reinen Phantasiewelt hat die Romantiker oft zu den tollsten Sprüngen in der Darstellung der Menschen und Begebenheiten verleitet. Sie schufen zuweilen wahre Zerrbilder alles Natürlichen. Was die Personen, die sie darstellen, im Laufe eines Zeitraumes vollbringen, hängt nicht zusammen wie bei wirklichen Menschen, sondern wie bei den Gestalten, die uns im Traume erscheinen. Wenn in "Heinrich von Ofterdingen" die beiden Mädchen, die der Held liebt, Mathilde und Cyane, im Laufe der Begebenheiten zu einem einzigen Wesen verschmelzen, so ist das ein Beispiel dafür, wie die Romantiker Gestalten schufen, die Traumbildern gleichen. Aber bei Novalis war das alles in Poesie getaucht; die romantische Gesinnung sprach hier aus einem wahren Dichter. ...“


Montag, 25. Mai 2009

Relief "Eros und Fabel" - 9.Bildtafel

Wirf das Schwert weg‹, rief Fabel (zu Eros, der vom alten Helden das Schwert erhalten hatte), ›und erwecke deine Geliebte.‹ Eros ließ das Schwert fallen, flog auf die Prinzessin zu, und küßte feurig ihre süßen Lippen. Sie schlug ihre großen dunkeln Augen auf, und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuß versiegelte den ewigen Bund.

Von der Kuppel herunter kam der König mit Sophien (seiner Gemahlin) an der Hand. Die Gestirne und die Geister der Natur folgten in glänzenden Reihen.

....Perseus trat herein, und trug eine Spindel und ein Körbchen. Er brachte dem neuen Könige das Körbchen. ›Hier‹, sagte er, ›sind die Reste deiner Feinde.‹ Eine steinerne Platte mit schwarzen und weißen Feldern lag darin, und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und schwarzem Marmor. ›Es ist ein Schachspiel‹, sagte Sophie; ›aller Krieg ist auf diese Platte und in diese Figuren gebannt. Es ist ein Denkmal der alten trüben Zeit.‹ Perseus wandte sich zu Fabel, und gab ihr die Spindel. ›In deinen Händen wird diese Spindel uns ewig erfreuen, und aus dir selbst wirst du uns einen goldnen unzerreißlichen Faden spinnen.‹ Der Phönix flog mit melodischem Geräusch zu ihren Füßen, spreizte seine Fittiche vor ihr aus, auf die sie sich setzte, und schwebte mit ihr über den Thron, ohne sich wieder niederzulassen. Sie sang ein himmlisches Lied, und fing zu spinnen an, indem der Faden aus ihrer Brust sich hervorzuwinden schien.


(Herein kamen) Ginnistan und ihr Bräutigam (der Vater- rechts im Bild, dabei Sophie), wie im Triumph.

...Die Hesperiden (links im Bild) ließen zur Thronbesteigung Glück wünschen, und um Schutz in ihren Gärten bitten. ... Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron verwandelt, und war ein prächtiges Hochzeitbett geworden, über dessen Himmel der Phönix mit der kleinen Fabel schwebte. Drei Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten, und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt. Der König umarmte seine errötende Geliebte, und das Volk folgte dem Beispiel des Königs, und liebkoste sich untereinander. Man hörte nichts, als zärtliche Namen und ein Kußgeflüster. Endlich sagte Sophie: ›Die Mutter ist unter uns, ihre Gegenwart wird uns ewig beglücken. Folgt uns in unsere Wohnung, in dem Tempel dort werden wir ewig wohnen, und das Geheimnis der Welt bewahren.‹ Die Fabel spann emsig und sang mit lauter Stimme:

Gegründet ist das Reich der Ewigkeit,
In Lieb' und Frieden endigt sich der Streit,
Vorüber ging der lange Traum der Schmerzen,
Sophie ist ewig Priesterin der Herzen.«


Relief "Eros und Fabel" - 8.Bildtafel



Fabel verließ nun das unterirdische Reich, und stieg fröhlich zu Arcturs Palaste.

Der Flachs ist versponnen. Das Leblose ist wieder entseelt. Das Lebendige wird regieren, und das Leblose bilden und gebrauchen. ... - ›Ich bin nichts als Sophiens Pate‹, sagte die Kleine. ›... Die Asche meiner Pflegemutter muß ich sammeln, und der alte Träger (Atlas) muß wieder aufstehn, daß die Erde wieder schwebe und nicht auf dem Chaos liege.‹

...

Bist du wieder da, liebliches Kind?‹ sagte der Alte; ›habe ich doch immer von dir geträumt. Ich dachte immer, du würdest erscheinen, ehe mir die Erde und die Augen zu schwer würden. Ich habe wohl lange geschlafen.‹ ›Die Erde ist wieder leicht, wie sie es immer den Guten war‹, sagte Fabel. ›Die alten Zeiten kehren zurück. I...Wo sind unsere alten Gastfreundinnen, die Hesperiden?‹ - ›An Sophiens Seite. Bald wird ihr Garten wieder blühen, und die goldne Frucht duften.

..

Fabel reichte die Urne, worin die Asche gesammelt war, der heiligen Sophie, die sie zärtlich umarmte.

Liebliches Kind‹, sagte sie, ›dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz unter den ewigen Sternen erworben. Du hast das Unsterbliche in dir gewählt. ... Du wirst die Seele unsers Lebens sein. Jetzt wecke den Bräutigam (Eros) auf. Der Herold ruft, und Eros soll Freya suchen und aufwecken.‹

...Sie ergriff nun die Urne und schüttete die Asche in die Schale auf dem Altar. Ein sanftes Brausen verkündigte die Auflösung, und ein leiser Wind wehte in den Gewändern und Locken der Umstehenden.

Sophie reichte die Schale dem Eros und dieser den andern. Alle kosteten den göttlichen Trank, und vernahmen die freundliche Begrüßung der Mutter in ihrem Innern, mit unsäglicher Freude. Sie war jedem gegenwärtig, und ihre geheimnisvolle Anwesenheit schien alle zu verklären.

Die Erwartung war erfüllt und übertroffen. Alle merkten, was ihnen gefehlt habe, und das Zimmer war ein Aufenthalt der Seligen geworden. Sophie sagte: ... Aus Schmerzen wird die neue Welt geboren, und in Tränen wird die Asche zum Trank des ewigen Lebens aufgelöst. In jedem wohnt die himmlische Mutter, um jedes Kind ewig zu gebären. ...‹

Sie goß in den Altar den Rest aus der Schale hinunter. Die Erde bebte in ihren Tiefen. Sophie sagte: ›Eros, eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten. Bald seht ihr mich wieder.‹


Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg. Es war ein mächtiger Frühling über die Erde verbreitet. Alles hob und regte sich. ... Die Königsburg strahlte mit herrlichem Glanze über das Meer, und auf ihren Zinnen stand der König in voller Pracht mit seinem Gefolge. ...

Die Blumen und Bäume wuchsen und grünten mit Macht. Alles schien beseelt. ... Die Tiere nahten sich mit freundlichen Grüßen den erwachten Menschen. Kein Stein lag mehr auf einer Menschenbrust, und alle Lasten waren in sich selbst zu einem festen Fußboden zusammengesunken. Sie kamen an das Meer. Ein Fahrzeug von geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden. Sie traten hinein und lösten das Tau. Die Spitze richtete sich nach Norden, und das Fahrzeug durchschnitt, wie im Fluge, die buhlenden Wellen.


Relief "Eros und Fabel" - 7.Bildtafel


"Hier bringe ich euch Taranteln", sagte Fabel zu den Alten. Sie erschraken, da sie nicht damit gerechnet hatten, sie lebend hier wieder zu sehen. Eine lief mit der Schere auf sie zu, um sie zu erstechen. Da stachen die Taranteln die drei alten Schwestern und sie sprangen wild umher.
Fabel schlich sich zur Leiter und begab sich zu Arctur. „Monarch!, sagte sie, „die Bösen tanzen, die Guten ruhn. Ist die Flamme vom Scheiterhaufen der Mutter angekommen?“ „Sie ist angekommen“, sagte der König. „Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt. Meine Gattin, Sophie, die Weisheit, zeigt sich von weitem. Meine Feindin ist versenkt. Alles fängt zu leben an.“

Die Tänzerinnen waren inzwischen ermüdet. Die Spinnen fielen über sie her; diese wollten sich mit der Schere verteidigen, aber Fabel hatte sie in aller Stille mitgenommen. Die Taranteln saugten sie bis aufs Mark aus.

Fabel sah hinaus und erblickte Perseus mit dem großen, eisernen Schilde. Die Schere flog von selbst dem magnetischen Schilde zu. Fabel bat ihn, dem wild herumfliegenden und Schaden anrichtenden Eros die Flügel damit zu beschneiden, und dann mit seinem Schilde die Schwestern zu verewigen, und das große Werk zu vollenden.

Sie verließ nun das unterirdische Reich und stieg fröhlich zu Arcturs Palaste. „Das Flachs ist versponnen. Das Leblose ist wieder entseelt. Das Lebendige wird regieren, und das Leblose bilden und gebrauchen.“ „Glückliches Kind“, sagte der gerührte Monarch, „du bist unsre Befreierin.“ „Die Asche der Mutter muss ich nun sammeln.“

Relief "Eros und Fabel" - 6.Bildtafel

Die drei Alten waren voll Ingrimms gegen die kleine Fabel. Der Schreiber trat herein und schmunzelte höhnisch, weil er die kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte. Da fiel aus Versehen die schwarze Lampe um und war ausgelöscht. Die Alten sahen nichts mehr. Der Schreiber sprach tückisch, da er hoffte, dass Fabel dabei umkäme: „Lasst Fabel doch gehen, dass sie euch Taranteln fange, zur Bereitung eures Lampenöls. - Ich wollte zu eurem Troste sagen, dass Eros ohne Rast umherfliegt, und eure Schere, die die Lebensfäden der Menschen abschneidet. fleißig beschäftigen wird, da er Tod und Verderben mit seinem Pfeil und Bogen in der Menschenwelt bewirkt(Bildmitte). Seine Mutter, die euch so oft zwang, die Lebensfäden länger zu spinnen, wird morgen ein Raub der Flammen.“ Er kitzelte sich, um zu lachen.


Fabel ging nach dem Hintergrund der Höhle, wo eine Leiter herunterhing. Sie kletterte schnell hinauf und kam bald vor eine Falltür, die sich in Arcturs Gemach öffnete.

Der König saß umringt von seinen Räten. Die Lilie hielt er in der Linken, die Waage in der Rechten. Adler und Löwe saßen zu seinen Füßen. Fabel neigte sich ehrfurchtsvoll vor ihm: "Heil deinem festgegründeten Throne! Frohe Botschaft deinem verwundeten Herzen. Baldige Rückkehr der Weisheit! Ewiges Erwachen dem Frieden! Ruhe der rastlosen Liebe!“ Der König berührte ihre offene Stirn mit der Lilie: „Was du bittest, sei dir gewährt.“ Bitte gib mir die Leier!" (oben rechts)
Sie lockte fröhliche Musik aus den Saiten, indem sie umherwanderte.

Eros kam herbeigeflogen. Er flog umher mit silberweißen Flügeln in der Hand den Bogen. 'Sein Bogen richtete überall Verwüstungen an. Er zog weiter, ohne Ginnistan (unten, Mitte) einen zärtlichen Blick zu gönnen.

Während ihres Gesanges waren von allen Seiten Taranteln zum Vorschein gekommen, die über die Grashalme ein glänzendes Netz zogen, und lebhaft nach dem Takt der Musik sich an ihren Fäden bewegten.


Sie sah bald von weitem die hohe Flamme des Scheiterhaufens. Traurig sah sie gen Himmel.

Relief "Eros und Fabel" - 5.Bildtafel




Unterdessen war zu Hause eine traurige Veränderung vorgegangen. Der Schreiber hatte das Gesinde in eine gefährliche Verschwörung verwickelt. Zuerst bemächtigte sich sein Anhang der Mutter, die in eiserne Bande gelegt wurde. Der Vater ward bei Wasser und Brot ebenfalls hingesetzt. Die kleine Fabel hörte den Lärm im Zimmer. Sie verkroch sich hinter dem Altare, und wie sie bemerkte, dass eine Tür an seiner Rückseite verborgen war, so öffnete sie dieselbe mit vieler Behändigkeit, und fand, dass eine Treppe in ihm hinunterging. Der Schreiber stürzte mit Ungestüm herein, um sich an der kleinen Fabel zu rächen, und Sophie gefangenzunehmen. Beide waren nicht zu finden. In seinem Grimme zerschlug er den Altar in tausend Stücke, ohne jedoch die heimliche Treppe zu entdecken.

Fabel steigt in die Tiefe hinab. Die Luft war wie ein ungeheurer Schatten; am Himmel stand ein schwarzer strahlender Körper. Licht und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben.
Endlich kam sie vor das Tor, vor welchem auf einem massiven Postament eine schöne Sphinx lag.

„Was suchst du?“sagte die Sphinx. - „Mein Eigentum“, erwiderte Fabel. - „Wo kommst du her?“- „Aus alten Zeiten“; - „Du bist noch ein Kind?“ - „Und werde ewig ein Kind sein.“

Fabel wurde durchgelassen und trat in eine ungeheure Höhle, und ging fröhlich auf die alten Schwestern zu, die bei der kärglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschäft trieben.

Sonntag, 26. April 2009

Relief "Eros und Fabel" - 4.Bildtafel


„Lieber Eros“. Sagte Ginnistan, „wir müssen eilen, dass wir zu meinem Vater kommen, der mich lange nicht gesehen und so sehnsuchtsvoll mich überall auf der Erde gesucht hat. Siehst du wohl sein bleiches , abgehärmtes Gesicht?“

Er saß auf seinem Silberthron

allein mit seiner Harm;

Da hört er seines Kindes Ton,

und sank in ihren Arm.


Eros in seiner Rüstung stand gerührt bei den zärtlichen Umarmungen (oben Mitte).

Dann stieß der Alte (Mond) in sein Horn. Ein gewaltiger Ruf dröhnte durch die uralte Burg.

Ginnistan begrüßte ihre alten Bekannten, und alle erschienen vor ihr in neuer Stärke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen. Der ungestüme Geist der Flut folgte der sanften Ebbe. Die alten Orkane legten sich an die Brust der heißen leidenschaftlichen Erdbeben. Man sah einen Schiffbruch im Hintergrunde, den schrecklichen Ausbruch eines Vulkans, die Verwüstungen des Erdbebens; ein liebendes Paaar unter schattenden Bäümen, eine fürchterliche Schlacht. Nach einer anderen Seite einen jugendlichen Leichnam auf der Bahre und eine liebliche Mutter mit dem Kinde an der Brust. Die Szenen verwandelten sich unaufhörlich.

Bald waren alle Schrecken vertilgt. Himmel und Erde flossen in süße Musik zusammen. Eine wunderschöne Blume schwamm glänzend auf den sanften Wogen.eln.“

Novalis-Relief von Peter Lampasiak

Im Februar 2009 wurde in der Freien Waldorfschule Braunschweig ein mehrteiliges Lindenholzrelief von Peter Lampasiak enthüllt. Auf neun Holztafeln finden sich unzählige Motive aus dem so genannten Märchen "Eros und Fabel" von Novalis. Es handelt sich dabei um eine Erzählung, die man gegen Ende des ersten Teiles des Romanfragmentes "Heinrich von Oferdingen" im 9.Kapitel findet.

Schon die äußere Gestaltung des Reliefs entfaltet eine beeindruckende Wirkung. Um eine große, achteckige mittlere Tafel gruppieren sich acht fünfeckige Relieftafeln. Das Ganze entfaltet sich wie ein gewaltiges Sonnenrad auf einer hohen, großflächigen Wand in der oberen Eingangshalle des Mittelstufenbaus unserer Schule, welcher den Namen "Novalishaus“ trägt.

Jedes Holzelement stellt für sich ein eigenständiges Kunstwerk dar. Alle Flächen sind fein plastisch durchgestaltet; jede Figur ist liebevoll und ausdrucksstark herausgearbeitet. Das helle Lindenholz strahlt in zartem Lichtglanz. Die Anordnung der einzelnen Gestalten bewirkt einen lebendig-dynamischen Gesamteindruck jeder einzelnen Tafel. Das dominierende Mittelteil ist in den plastischen Höhen und Tiefen noch stärker betont, die Figuren sind etwas größer dargestellt als im Umkreis. Dadurch tritt die Mitte besonders hervor und trägt aus sich heraus das ganze Kunstwerk mit seinen vielen Teilen und Gestaltungen.

Drei Figuren treten in der Mitte deutlich in den Vordergrund: Eros, Fabel und Freya. Es ist damit das Ende des Märchens dargestellt: Eros vermählt sich mit Freya, darüber schwebt Fabel. Oder aus der Bildsprache in die Begriffssprache übersetzt: Die menschliche Individualität (Eros) hat die Freiheit errungen (Freya) durch die Kunst (Fabel). Anders ausgedrückt: Erziehung des Menschen zur Freiheit durch die Kunst. So wird der waldorf-pädagogische Zusammenhang deutlich.

Die Aufgabe der Kunst

In der Waldorfpädagogik wurde im 20.Jahrhundert das verwirklicht, was als Idee in der Zeit der Klassik bewegt wurde. In der Zeit um das Jahr 1800, der Goethe-Schiller-Zeit, beschäftigte die Menschen zum ersten Mal bewusst die Frage, welchen Wert die Kunst überhaupt für das Leben der Menschen habe. Es war die Zeit der Französischen Revolution, in der man alle gesellschaftlichen Verhältnisse umstülpen und so den Menschen zur Freiheit führen wollte.

Schiller schrieb damals die berühmten „Briefe zur Ästhetik“. Er führte darin aus, wie das Künstlerische allein den Menschen in seinem tiefsten Inneren erreichen und in seiner Entwicklung voranbringen kann. Und nur so - über die Erziehung der Menschen – könne auch die Welt in positiver Weise verändert werden. Weder Wissenschaft und Verstand, noch die Hingabe an die Natur könnten das bewirken. Allein die Schönheit, das Spielerische, das Ästhetisch-Künstlerische ergreift den Menschen wirklich.

Die Kunst steht nach Schiller immer in der Mitte, sie vermeidet eine zu enge Bindung an die physische, irdische Welt, aber auch ein Sich-Verlieren im Fantastischen. Sie steht zwischen den strengen Gesetzen von Abstammung, Schicksal und Naturnotwendigkeit, die keinen Freiraum oder Ausweg lassen, und einer zu freilassenden Willkür. So betrachtet, führt die Kunst den Menschen zur wahren Freiheit, weil sie es ihm ermöglicht, seinen eigenen Weg zu finden, der immer neu und individuell ist.

Novalis bewegte die selben Gedanken in seinem Herzen und ihm gestaltete sich das Ganze beim Blick in die Natur und in die Wirklichkeit der Menschenseele zu einem bilderreichen Schauspiel, einem „Märchen“.


Die Motive

Die Geschichte beginnt in einem himmlischen Reiche, das hoch im Norden liegt. Fast alles ist zu Eis erstarrt. Dort herrscht im Sternenreigen der König Arctur. Seine Tochter Freya - Frieden oder Freiheit - ruht bzw. schläft. Von ihr strahlt ein sanftes Licht aus, das in der unbestimmt langen Nacht die Welt erhellt.

Ein himmlischer Held schleudert auf Befehl Arcturs sein Eisenschwert wie einen Kometen in die Erdenwelt hinab. Sternschnuppenartig sinken die Eisen-Lichtfunken herab und bewirken gewaltiges Geschehen im Irdischen.

Dort unten im Erdenhaus schläft noch der schöne Knabe Eros - die junge Menschenseele . Als er mit dem himmlischen Eisen in Berührung kommt, erwacht er und wächst unversehens zum Jüngling heran. Eine heilige Frau, Sophie - die Weisheit-, reicht ihm aus ihrer Schale das Wasser des Lebens. Er gewinnt an Kraft, legt sich eine Rüstung an und macht sich auf eine Entwicklungsreise, begleitet von seiner Amme Ginnistan - der Phantasie. Sie führt ihn in ihres Vaters Reich, das Reich des Mondes. Dort erlebt er den vielfältigen Reigen der Naturelemente und man führt ihm ein grandioses, dramatisches z.T. auch apokalyptisches Welten-Schauspiel vor.

Während Eros in der Monden-Traumwelt verweilt, geschieht in seiner Erdenheimat Schreckliches. Der „Schreiber“ - der wissenschaftliche, sachlich kühl berechnende Verstand - übernimmt die Macht. Er nimmt alle Wesen gefangen und tötet die Mutter - das warmherzig in der Welt wirkende Gemüt. Er verbrennt sie sogar auf einem Scheiterhaufen. Doch dieses gewaltige Feuer beginnt nun - gar nicht im Sinne des Schreibers - das himmlische Gottesreich zu erwärmen und erhellen: „Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt.“ Noch immer aber schläft dort die Prinzessin Freya.

Nun hat Eros eine "Milchschwester", d.h. ihre leibliche Mutter, Ginnistan, nährte auch ihn. Ihr Name ist Fabel – gemeint ist die Poesie oder überhaupt die Kunst. Sie wird so geschildert, dass sie immer ein Kind bleibt. Einmal wird sie von der Sphinx gefragt: „Wo kommst du her?- Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind? - Und werde ewig ein Kind sein, antwortet sie.“

Der Fabel gelingt es zu entfliehen, als der Schreiber die Macht an sich reißt. Dabei gerät sie in die Tiefe, in ein uraltes Schattenreich. Dort sitzen drei Schwestern, sie spinnen die Schicksalsfäden der Menschen und schneiden vor allem unerbittlich mit ihrer Schere die Lebensfäden ab. In diesem Reich herrscht noch der Zwang der unerbittlichen Notwendigkeit, des alten Gesetzes.

Dort steht auch eine besondere Lampe, sie saugt alles Licht auf, damit es immer dunkel bleibt. Wenn man sie löscht, dann wird es unerträglich hell. Das Öl dieser Lampen ist das Gift von Spinnen, von Taranteln. Als die alten Spinnerinnen von Fabel verlangen, dass sie noch mehr Gift besorgen solle, wird ihnen ihre eigene Unmäßigkeit zum Verhängnis. Sie werden von den Taranteln ausgesaugt. Damit hat das Schattenreich sein Ende gefunden. Das Gesetz alter Zeiten hat sich selbst aufgelöst.

Nun sind die Voraussetzungen für ein glückliches Ende geschaffen. Eros hat seinen Ausflug in das Mondenreich überstanden und wichtige Erfahrungen gemacht. Fabel soll ihn in das Reich des Geistes begleiten. Dort wird er seine Braut, Prinzessin Freya, erwecken und sich dann mit ihr vermählen: „Wirf das Schwert weg, rief Fabel, und erwecke deine Geliebte! Eros ließ das Schwert fallen, flog auf die Prinzessin zu, küsste feurig ihre Lippen. Sie schlug ihre großen dunklen Augen auf und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.“

So wird die sich entwickelnde, die irrende und abschweifende Menschenseele durch die Kunst dahin geführt, dass sie sich mit der Freiheit vermählen kann.

Ein Geschenk des Künstlers

Peter Lampasiak, Gründungslehrer der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld, hat das Holzrelief mit den geschilderten Motiven der Freien Waldorfschule Braunschweig geschenkt. Die Enthüllung erfolgte zwei Monate nach dem 80.Geburtstag dieses so viel geliebten und geschätzten Waldorflehrers. In einem Interview äußerte er sich selbst zur Entstehungsgeschichte des Reliefs: „Das hat sich ergeben, als ich hier mit großer Freude zwei Gastepochen geben konnte. ... Und dann habe ich natürlich diesen Raum gesehen... So bot sich das ja an: durch den Namen Novalis, ein Novalishaus im Zusammenhang mit einer Schule. Bei Novalis geht es auch sehr stark um Erziehung: Einmal wird alles Erziehung sein, aber die ersten müssen sich selbst erziehen. Also da kam mir die Idee: Für diesen Bau, für dieses Haus, für diese Schule mit den herrlichen Kindern machst du etwas. Und so ist es allmählich entstanden.“

Dieter Centmayer, Freie Waldorfschule Braunschweig



Biographische Daten

Geboren * 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt; heute Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt). Dort verbrachte Novalis seine Kindheit und Jugend. Sein eigentlicher Name ist Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg.

Sein Vater, der Gutsbesitzer und Salinendirektor war ein streng pietistischer Mensch, der Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine war.

Als Zwölfjähriger lebte er fast ein Jahr auf dem Schloss seines Onkels, Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg, Landkomtur des Deutschen Ordens, in Lucklum bei Braunschweig.

Novalis besuchte 1790 die Abschlussklasse des Gymnasiums in Eisleben.

1790 begann er in Jena ein Jurastudium und schloss es 1794 mit bestem Examen ab.

Im Zuge dieses Studiums hörte er 1791 Schillers Geschichtsvorlesung und knüpfte zu ihm während dessen Krankheitszeit enge persönliche Kontakte.
Weiterhin begegnete er Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul, schloss Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.

1794 lernte er die junge Sophie von Kühn kennen, am 15. März 1795 verlobte er sich mit ihr, an ihrem dreizehnten Geburtstag.

Im Januar des Folgejahres arbeitete er an der Salinendirektion in Weißenfels an der Saale, dem Ort, der seit 1785 zum Wohnort der Familie geworden war.

Der frühe und qualvolle Tod seiner dann kaum 15-jährigen Verlobten im März 1797 prägte Novalis stark.

An der Bergakademie in Freiberg (Sachsen) begann Novalis 1797 ein naturwissenschaftliches Studium.

Seine zweite Verlobung ging er im Dezember 1798 mit der Tochter des Berghauptmanns und Freiberger Professors ein: Julie von Charpentier (1778–1811).

Pfingsten 1799 arbeitete Novalis wieder in der Salinendirektion und wurde bereits im Dezember desselben Jahres Mitglied des Salinendirektoriums.

Am 25. März 1801 starb Friedrich von Hardenberg in Weißenfels an der „Schwindsucht“ (Tuberkulose).

Er selbst erlebte lediglich die Veröffentlichung der „Blüthenstaub“-Fragmente und der „Hymnen an die Nacht“ (1800). Die unvollendeten Romane „Heinrich von Ofterdingen“-mit dem Märchen "Eros und Fabel - und „Die Lehrlinge zu Sais“ wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht.

NOVALIS

____________________________________________________