Sonntag, 26. April 2009

Relief "Eros und Fabel" - 4.Bildtafel


„Lieber Eros“. Sagte Ginnistan, „wir müssen eilen, dass wir zu meinem Vater kommen, der mich lange nicht gesehen und so sehnsuchtsvoll mich überall auf der Erde gesucht hat. Siehst du wohl sein bleiches , abgehärmtes Gesicht?“

Er saß auf seinem Silberthron

allein mit seiner Harm;

Da hört er seines Kindes Ton,

und sank in ihren Arm.


Eros in seiner Rüstung stand gerührt bei den zärtlichen Umarmungen (oben Mitte).

Dann stieß der Alte (Mond) in sein Horn. Ein gewaltiger Ruf dröhnte durch die uralte Burg.

Ginnistan begrüßte ihre alten Bekannten, und alle erschienen vor ihr in neuer Stärke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen. Der ungestüme Geist der Flut folgte der sanften Ebbe. Die alten Orkane legten sich an die Brust der heißen leidenschaftlichen Erdbeben. Man sah einen Schiffbruch im Hintergrunde, den schrecklichen Ausbruch eines Vulkans, die Verwüstungen des Erdbebens; ein liebendes Paaar unter schattenden Bäümen, eine fürchterliche Schlacht. Nach einer anderen Seite einen jugendlichen Leichnam auf der Bahre und eine liebliche Mutter mit dem Kinde an der Brust. Die Szenen verwandelten sich unaufhörlich.

Bald waren alle Schrecken vertilgt. Himmel und Erde flossen in süße Musik zusammen. Eine wunderschöne Blume schwamm glänzend auf den sanften Wogen.eln.“

Novalis-Relief von Peter Lampasiak - mit 1. bis 3. Bildtafel


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Im Februar 2009 wurde in der Freien Waldorfschule Braunschweig ein mehrteiliges Lindenholzrelief von Peter Lampasiak enthüllt. Auf neun Holztafeln finden sich unzählige Motive aus dem so genannten Märchen "Eros und Fabel" von Novalis. Es handelt sich dabei um eine Erzählung, die man gegen Ende des ersten Teiles des Romanfragmentes "Heinrich von Oferdingen" im 9.Kapitel findet.
Schon die äußere Gestaltung des Reliefs entfaltet eine beeindruckende Wirkung. Um eine große, achteckige mittlere Tafel gruppieren sich acht fünfeckige Relieftafeln. Das Ganze entfaltet sich wie ein gewaltiges Sonnenrad auf einer hohen, großflächigen Wand in der oberen Eingangshalle des Mittelstufenbaus unserer Schule, welcher den Namen "Novalishaus“ trägt.
Jedes Holzelement stellt für sich ein eigenständiges Kunstwerk dar. Alle Flächen sind fein plastisch durchgestaltet; jede Figur ist liebevoll und ausdrucksstark herausgearbeitet. Das helle Lindenholz strahlt in zartem Lichtglanz. Die Anordnung der einzelnen Gestalten bewirkt einen lebendig-dynamischen Gesamteindruck jeder einzelnen Tafel. Das dominierende Mittelteil ist in den plastischen Höhen und Tiefen noch stärker betont, die Figuren sind etwas größer dargestellt als im Umkreis. Dadurch tritt die Mitte besonders hervor und trägt aus sich heraus das ganze Kunstwerk mit seinen vielen Teilen und Gestaltungen.
Drei Figuren treten in der Mitte deutlich in den Vordergrund: Eros, Fabel und Freya. Es ist damit das Ende des Märchens dargestellt: Eros vermählt sich mit Freya, darüber schwebt Fabel. Oder aus der Bildsprache in die Begriffssprache übersetzt: Die menschliche Individualität (Eros) hat die Freiheit errungen (Freya) durch die Kunst (Fabel). Anders ausgedrückt: Erziehung des Menschen zur Freiheit durch die Kunst. So wird der waldorf-pädagogische Zusammenhang deutlich.
Die Aufgabe der Kunst
In der Waldorfpädagogik wurde im 20.Jahrhundert das verwirklicht, was als Idee in der Zeit der Klassik bewegt wurde. In der Zeit um das Jahr 1800, der Goethe-Schiller-Zeit, beschäftigte die Menschen zum ersten Mal bewusst die Frage, welchen Wert die Kunst überhaupt für das Leben der Menschen habe. Es war die Zeit der Französischen Revolution, in der man alle gesellschaftlichen Verhältnisse umstülpen und so den Menschen zur Freiheit führen wollte.
Schiller schrieb damals die berühmten „Briefe zur Ästhetik“. Er führte darin aus, wie das Künstlerische allein den Menschen in seinem tiefsten Inneren erreichen und in seiner Entwicklung voranbringen kann. Und nur so - über die Erziehung der Menschen – könne auch die Welt in positiver Weise verändert werden. Weder Wissenschaft und Verstand, noch die Hingabe an die Natur könnten das bewirken. Allein die Schönheit, das Spielerische, das Ästhetisch-Künstlerische ergreift den Menschen wirklich.
Die Kunst steht nach Schiller immer in der Mitte, sie vermeidet eine zu enge Bindung an die physische, irdische Welt, aber auch ein Sich-Verlieren im Fantastischen. Sie steht zwischen den strengen Gesetzen von Abstammung, Schicksal und Naturnotwendigkeit, die keinen Freiraum oder Ausweg lassen, und einer zu freilassenden Willkür. So betrachtet, führt die Kunst den Menschen zur wahren Freiheit, weil sie es ihm ermöglicht, seinen eigenen Weg zu finden, der immer neu und individuell ist.
Novalis bewegte die selben Gedanken in seinem Herzen und ihm gestaltete sich das Ganze beim Blick in die Natur und in die Wirklichkeit der Menschenseele zu einem bilderreichen Schauspiel, einem „Märchen“.

Die Motive
Die Geschichte beginnt in einem himmlischen Reiche, das hoch im Norden liegt. Fast alles ist zu Eis erstarrt. Dort herrscht im Sternenreigen der König Arctur. Seine Tochter Freya - Frieden oder Freiheit - ruht bzw. schläft. Von ihr strahlt ein sanftes Licht aus, das in der unbestimmt langen Nacht die Welt erhellt.
Ein himmlischer Held schleudert auf Befehl Arcturs sein Eisenschwert wie einen Kometen in die Erdenwelt hinab. Sternschnuppenartig sinken die Eisen-Lichtfunken herab und bewirken gewaltiges Geschehen im Irdischen.
Dort unten im Erdenhaus schläft noch der schöne Knabe Eros - die junge Menschenseele . Als er mit dem himmlischen Eisen in Berührung kommt, erwacht er und wächst unversehens zum Jüngling heran. Eine heilige Frau, Sophie - die Weisheit-, reicht ihm aus ihrer Schale das Wasser des Lebens. Er gewinnt an Kraft, legt sich eine Rüstung an und macht sich auf eine Entwicklungsreise, begleitet von seiner Amme Ginnistan - der Phantasie. Sie führt ihn in ihres Vaters Reich, das Reich des Mondes. Dort erlebt er den vielfältigen Reigen der Naturelemente und man führt ihm ein grandioses, dramatisches z.T. auch apokalyptisches Welten-Schauspiel vor.
Während Eros in der Monden-Traumwelt verweilt, geschieht in seiner Erdenheimat Schreckliches. Der „Schreiber“ - der wissenschaftliche, sachlich kühl berechnende Verstand - übernimmt die Macht. Er nimmt alle Wesen gefangen und tötet die Mutter - das warmherzig in der Welt wirkende Gemüt. Er verbrennt sie sogar auf einem Scheiterhaufen. Doch dieses gewaltige Feuer beginnt nun - gar nicht im Sinne des Schreibers - das himmlische Gottesreich zu erwärmen und erhellen: „Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt.“ Noch immer aber schläft dort die Prinzessin Freya.
Nun hat Eros eine "Milchschwester", d.h. ihre leibliche Mutter, Ginnistan, nährte auch ihn. Ihr Name ist Fabel – gemeint ist die Poesie oder überhaupt die Kunst. Sie wird so geschildert, dass sie immer ein Kind bleibt. Einmal wird sie von der Sphinx gefragt: „Wo kommst du her?- Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind? - Und werde ewig ein Kind sein, antwortet sie.“
Der Fabel gelingt es zu entfliehen, als der Schreiber die Macht an sich reißt. Dabei gerät sie in die Tiefe, in ein uraltes Schattenreich. Dort sitzen drei Schwestern, sie spinnen die Schicksalsfäden der Menschen und schneiden vor allem unerbittlich mit ihrer Schere die Lebensfäden ab. In diesem Reich herrscht noch der Zwang der unerbittlichen Notwendigkeit, des alten Gesetzes.
Dort steht auch eine besondere Lampe, sie saugt alles Licht auf, damit es immer dunkel bleibt. Wenn man sie löscht, dann wird es unerträglich hell. Das Öl dieser Lampen ist das Gift von Spinnen, von Taranteln. Als die alten Spinnerinnen von Fabel verlangen, dass sie noch mehr Gift besorgen solle, wird ihnen ihre eigene Unmäßigkeit zum Verhängnis. Sie werden von den Taranteln ausgesaugt. Damit hat das Schattenreich sein Ende gefunden. Das Gesetz alter Zeiten hat sich selbst aufgelöst.
Nun sind die Voraussetzungen für ein glückliches Ende geschaffen. Eros hat seinen Ausflug in das Mondenreich überstanden und wichtige Erfahrungen gemacht. Fabel soll ihn in das Reich des Geistes begleiten. Dort wird er seine Braut, Prinzessin Freya, erwecken und sich dann mit ihr vermählen: „Wirf das Schwert weg, rief Fabel, und erwecke deine Geliebte! Eros ließ das Schwert fallen, flog auf die Prinzessin zu, küsste feurig ihre Lippen. Sie schlug ihre großen dunklen Augen auf und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.“
So wird die sich entwickelnde, die irrende und abschweifende Menschenseele durch die Kunst dahin geführt, dass sie sich mit der Freiheit vermählen kann.
Ein Geschenk des Künstlers
Peter Lampasiak, Gründungslehrer der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld, hat das Holzrelief mit den geschilderten Motiven der Freien Waldorfschule Braunschweig geschenkt. Die Enthüllung erfolgte zwei Monate nach dem 80.Geburtstag dieses so viel geliebten und geschätzten Waldorflehrers. In einem Interview äußerte er sich selbst zur Entstehungsgeschichte des Reliefs: „Das hat sich ergeben, als ich hier mit großer Freude zwei Gastepochen geben konnte. ... Und dann habe ich natürlich diesen Raum gesehen... So bot sich das ja an: durch den Namen Novalis, ein Novalishaus im Zusammenhang mit einer Schule. Bei Novalis geht es auch sehr stark um Erziehung: Einmal wird alles Erziehung sein, aber die ersten müssen sich selbst erziehen. Also da kam mir die Idee: Für diesen Bau, für dieses Haus, für diese Schule mit den herrlichen Kindern machst du etwas. Und so ist es allmählich entstanden.“
Dieter Centmayer, Freie Waldorfschule Braunschweig

Link zur 1. Bildtafel: 1. Bildtafel
Link zur 2. Bildtafel: 2. Bildtafel
Link zur 3. Bildtafel: 3. Bildtafel
Alle weiteren Bildtafeln folgen hier als eigene Beiträge. 

Biographische Daten

Geboren * 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt; heute Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt). Dort verbrachte Novalis seine Kindheit und Jugend. Sein eigentlicher Name ist Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg.

Sein Vater, der Gutsbesitzer und Salinendirektor war ein streng pietistischer Mensch, der Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine war.

Als Zwölfjähriger lebte er fast ein Jahr auf dem Schloss seines Onkels, Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg, Landkomtur des Deutschen Ordens, in Lucklum bei Braunschweig.

Novalis besuchte 1790 die Abschlussklasse des Gymnasiums in Eisleben.

1790 begann er in Jena ein Jurastudium und schloss es 1794 mit bestem Examen ab.

Im Zuge dieses Studiums hörte er 1791 Schillers Geschichtsvorlesung und knüpfte zu ihm während dessen Krankheitszeit enge persönliche Kontakte.
Weiterhin begegnete er Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul, schloss Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.

1794 lernte er die junge Sophie von Kühn kennen, am 15. März 1795 verlobte er sich mit ihr, an ihrem dreizehnten Geburtstag.

Im Januar des Folgejahres arbeitete er an der Salinendirektion in Weißenfels an der Saale, dem Ort, der seit 1785 zum Wohnort der Familie geworden war.

Der frühe und qualvolle Tod seiner dann kaum 15-jährigen Verlobten im März 1797 prägte Novalis stark.

An der Bergakademie in Freiberg (Sachsen) begann Novalis 1797 ein naturwissenschaftliches Studium.

Seine zweite Verlobung ging er im Dezember 1798 mit der Tochter des Berghauptmanns und Freiberger Professors ein: Julie von Charpentier (1778–1811).

Pfingsten 1799 arbeitete Novalis wieder in der Salinendirektion und wurde bereits im Dezember desselben Jahres Mitglied des Salinendirektoriums.

Am 25. März 1801 starb Friedrich von Hardenberg in Weißenfels an der „Schwindsucht“ (Tuberkulose).

Er selbst erlebte lediglich die Veröffentlichung der „Blüthenstaub“-Fragmente und der „Hymnen an die Nacht“ (1800). Die unvollendeten Romane „Heinrich von Ofterdingen“-mit dem Märchen "Eros und Fabel - und „Die Lehrlinge zu Sais“ wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht.

Samstag, 16. August 2008

Traum und Wirklichkeit

Wenn man Novalis liest und empfindet, dann wird man seelisch erquickt, ermuntert, erfrischt oder auch von Leid, Trauer und Mitgefühl ergriffen. Seine Inhalte kommen leichtfüßig, hüpfend, springend, kraftvoll, sehnsüchtig, traurig oder leidenschaftlich daher. Immer sind auch seine höchsten Gedanken gefühlsentzündend.

In ihm verspürt man ganz Wesen und Charakter des Jugendlichen. Einer wirklichen Jugend, die schon das ganze Leben erfasst, aber noch unbeeindruckt ist von den hemmenden Kräften und Vorbehalten, Rücksichtnahmen und Zögerlichkeiten der Erwachsenenwelt. Ein Lebensalter, das die großen Weltgedanken zu denken wagt, gleichgültig ob es die Welt gestattet oder nicht. Einer Jugendkraft, die noch nicht zur voll verantwortlichen Lebenstat schreiten muss und in den Schranken des Berufs den Lebensunterhalt selbst erwirtschaften muss.


Und wie der Bewusstseinszustand in der Kindheit im Verhältnis zur gesamten Menschenbiographie meist wie ein „Noch-Schlafen“ ist, so lebt vergleichsweise die Jugendzeit in einem eher „träumenden“ Bewusstseinszustand.

Die freie Beweglichkeit des Träumens, ohne die Schranken der physisch irdischen Naturgesetze, die Gefühlsdurchdrungenheit des Traumes, das Ausgeliefertsein an Wesen und Kräfte, das charakterisiert auch das Jugendleben.

Das volle Erwachen in das Leben hinein erfährt der Mensch meist gegen das dreißigste Lebensjahr hin.

In dieser Art der Betrachtung der Lebens-Bewusstseinstufen würde die Kindheit bis zum 14.Lebensjahr, bis zur Reifezeit andauern. Während die Jugendkräfte noch einmal gut zwei Jahrsiebte wirken können.


So ganz und gar verkörpert Novalis diesen Jugendsinn, dass er damit sogar sein Leben vollendet. Er stirbt am 25.März 1801 noch vor seinem 29. Geburtstag. Und wie ein Traum im Geschehen des Alltags so schwer oft nur zu halten ist, so leicht wie er sich auflöst, wie ein Nebeldust in der Morgensonne, so schwand sein Leben dahin.


Und wer Novalis liest, dem mag es mit seinem Werk ähnlich ergehen. Wenn er in die tief empfundenen Gedankenwege eintauchen kann, dann mag es ihm hinterher erscheinen, als wäre alles wieder entschwunden und nur eine allgemeine Erinnerung bliebe zurück: „Da war doch etwas gewesen?“


Vielleicht geht auch die heutige Kulturwelt mit ihm in ähnlicher Weise um. Im Leben lässt der Kulturmensch sich nicht von Novalis beeindrucken, aber die meisten wissen: „Ja, neben Goethe und Schiller da gab es noch einen, der hieß Novalis. Bei dem war alles etwas phantastisch und überschwänglich. Mit dem Verstand mag man sich bei ihm doch nur abquälen. Das lässt man lieber.


So findet man z.B. im Internet folgende Bemerkung:


„Er hinterließ nicht nur ein geheimnisvolles Werk, sondern er war ein mystischer Schwärmer mit Todessehnsucht, für den die Welt zum Traum wird und der Traum zur Welt. Novalis ließ in die romantisierte Welt naturwissenschaftliche Erkenntnisse einfließen.“ (Verfasser unbekannt)





Lebendige Naturwissenschaft

Novalis sah das Heraufkommen der modernen Naturwissenschaft. Er empfand diese Art der Naturbetrachtung als einseitig und fühlte, dass sich der Mensch nicht mehr mit seinem ganzen Wesen dieser Wissenschaft verbinden könne. In seinen Augen kann die neue Wissenschaft nur das Tote erfassen. Sie will wohl die lebendige Natur erforschen, aber sie muss, um das Leben zu erfassen, das Leben töten.


„...suchten jene (Wissenschaftler) mit scharfen Messerschnitten den innern Bau und die Verhältnisse der Glieder zu erforschen. Unter ihren Händen starb die freundliche Natur, und ließ nur tote, zuckende Reste zurück....“

(Aus: Novalis, Die Lehrlinge zu Sais)


Diese Methode ergab sich für ihn durch eine einseitige Betätigung des Kopfes, des Verstandes. Er empfand es deshalb als notwendig, dass der Mensch sich mit seinem ganzen Wesen, mit seinem ganzen Erleben, Empfinden und Denken der Natur verbinde, um sich und sie selbst zu erforschen. Eine solche umfassende Betätigung liefere auch umfassende Eindrücke und Erkenntnisse. Diese könnten dann nur in künstlerischer Weise zum Ausdruck gebracht werden. Nur der Dichter kann in seinen Augen die rechten Worte finden, um das Wesen der Natur zum Ausdruck zu bringen. Er hat die Möglichkeit, das Leben in der Natur zu erfassen und in Worte zu fassen:


„Daher ist auch wohl die Dichtkunst das liebste Werkzeug der eigentlichen Naturfreunde gewesen, und am hellsten ist in Gedichten der Naturgeist erschienen. Wenn man echte Gedichte liest und hört, so fühlt man einen innern Verstand der Natur sich bewegen, und schwebt wie der himmlische Leib derselben, in ihr und über ihr zugleich. Naturforscher und Dichter haben durch Eine Sprache sich immer wie Ein Volk gezeigt. Was jene im Ganzen sammelten und in großen geordneten Massen aufstellten, haben diese für menschliche Herzen zur täglichen Nahrung und Notdurft verarbeitet..“


(Aus: Novalis, Die Lehrlinge zu Sais)

Das Märchen von EROS UND FABEL

Teil des Romans „Heinrich von Ofterdingen“, Neuntes Kapitel

Aus dem Schaffenszusammenhang und Charakterisierung des Inhaltes

Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“- diese Begriffe werden gern mit der Waldorfpädagogik in Verbindung gebracht. Dabei wird besonders die Ausbildung des „Herzens“, des Gemütes oder Gefühlslebens der Kinder von den Eltern geschätzt. Dieses geschieht bevorzugt durch das Künstlerische. Deshalb findet man in der Waldorfschule neben den wissenschaftlichen Lerninhalten, dem Sport und den vielfältigen handwerklich-praktischen Inhalten, auch die Fächer, die den künstlerischen Sinn der Kinder entwickeln lassen: die Musik, die Eurythmie, das Malen, das geometrische Zeichnen, das Plastizieren usw. ; aber auch das Rezitieren und das Erzählen vielfältiger literarischer Inhalte am Ende des Hauptunterrichtes bildet den Sinn für die Sprache aus und wendet sich in ganz freilassender Weise an das Gemüt des Kindes.

In der Zeit um das Jahr 1800, der Goethe-Schiller-Zeit, bewegte die Menschen zum ersten Mal bewusst die Frage, welchen Wert die Kunst überhaupt für das Leben und den Menschen habe. Es war die Zeit der Französischen Revolution, wo man alle gesellschaftlichen Verhältnisse umstülpen und so den Menschen zur Freiheit führen wollte.

Schiller schrieb damals die berühmten „Briefe zur Ästhetik“. Er führte darin aus, wie das Künstlerische allein den Menschen in seinem tiefsten Inneren erreichen kann und ihn in seiner menschlichen Entwicklung voranbringen kann. Und nur so - über die Erziehung der Menschen – könne auch die Welt in positiver Weise verändert werden. Weder Wissenschaft und Verstand, noch die Hingabe an die Natur könnten den Menschen in seinem eigentlichen Wesen erreichen und zufriedenstellen. Allein die Schönheit, das Spielerische, das Ästhetisch-Künstlerische erreicht den Menschen in seinem eigentlichen, inneren Wesen.

Die Kunst steht nach Schiller immer in der Mitte, sie vermeidet eine zu enge Bindung an die physische, irdische Welt, aber auch ein Sich-Verlieren im Fantastischen. Sie steht zwischen strengen Gesetzen – Abstammung, Schicksal und Vorbestimmung-, die notwendigerweise keinen Ausweg lassen, und einer zu freilassenden Willkür. So betrachtet, führt sie den Menschen zur wahren Freiheit, weil sie es ihm ermöglicht, seinen eigenen Weg zu finden, der immer neu und individuell ist.

Novalis bewegte dieselben Gedanken in seinem Herzen und ihm gestaltete sich das Ganze beim Blick in die Natur und in die Wirklichkeit der Menschenseele zu einem bilderreichen Schauspiel, einem „Märchen“.

Die Geschichte beginnt in einem himmlischen Reiche, das aber im Norden liegt. Fast alles ist zu Eis erstarrt. Dort herrscht im Sternenreigen der König Arctur. Seine Tochter Freya - Frieden oder Freiheit - ruht bzw. schläft. Von ihr strahlt ein sanftes Licht aus, das als einzig verbliebene Lichtquelle in der angebrochenen, unbestimmt langen Nacht die Welt erhellt.

Ein himmlischer Held schleudert auf Befehl Arcturs sein Eisenschwert wie einen Kometen in die Erdenwelt hinab. Sternschnuppenartig sinken die Lichtfunken herab und bewirken nun ein gewaltiges Geschehen im Irdischen.

Dort im Erdenhaus schläft noch der schöne Knabe Eros - die junge Menschenseele . Als er mit dem himmlischen Eisen in Berührung kommt, erwacht er und wächst unversehens zum Jüngling heran. Eine heilige Frau , Sophie - die Weisheit-, reicht ihm aus ihrer Schale das Wasser des Lebens und er gewinnt an Kraft, legt sich eine Rüstung an und macht sich auf seine Entwicklungsreise, begleitet von seiner Amme Ginnistan - der Phantasie. Sie führt ihn in ihres Vaters Reich, das Reich des Mondes. Dort erlebt er einen bunten Reigen der Naturelemente und man führt ihm ein grandioses, dramatisches Welten-Schauspiel vor. Ganz welt- und selbstvergessen, geben sich die beiden der Lust der Unterhaltung hin.

Während Eros in der Monden-Traumwelt lebt, geschieht in seiner Erdenheimat Schreckliches. Der „Schreiber“ - der wissenschaftlich, sachlich kühl berechnende Verstand - übernimmt die Macht. Er nimmt alle Wesen gefangen und tötet die Mutter - das warmherzig in der Welt wirkende Gemüt. Er verbrennt sie sogar auf einem Scheiterhaufen. Doch dieses gewaltige Feuer beginnt nun – gar nicht im Sinne des „Schreibers“- das himmlische Gottesreich zu erwärmen und erhellen: „Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt.“ Noch immer aber schläft dort die Prinzessin Freya.

Nun hat Eros eine Schwester, eine Milchschwester, d.h. die selbe Amme, Ginnistan, nährte sie beide. Ihr Name ist Fabel – gemeint ist die Dichtung, die Poesie oder überhaupt die Kunst. Sie wird so geschildert, dass sie immer ein Kind bleibt. Einmal wird sie von der Sphinx gefragt: „Wo kommst du her?- Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind? - Und werde ewig ein Kind sein, antwortet sie.“

Der Fabel gelingt es zu entfliehen, als der Schreiber die Macht an sich reißt. Dabei gerät sie in die Tiefe, in ein uraltes Schattenreich, dort sitzen drei Schwestern, sie spinnen. Sie spinnen die Schicksalsfäden der Menschen. In diesem Reich herrscht noch der Zwang der unerbittlichen Notwendigkeit, des Gesetzes, nicht die Freiheit oder die Kunst.

Dort steht auch eine besondere Lampe , sie saugt das Licht auf, damit es immer recht düster bleibt; wenn man sie löscht, dann wird es unerträglich hell. Das Öl dieser Lampen ist das Gift von Spinnen, von Taranteln. Als diese alten Spinnerinnen von Fabel verlangen, dass sie noch mehr davon besorgt, wird ihnen ihre eigene Unmäßigkeit zum Verhängnis. Sie werden von den Taranteln verzehrt. Damit hat das Schattenreich sein Ende gefunden. Das Gesetz alter Zeiten hat sich selbst aufgelöst.

Nun sind die Voraussetzungen für ein glückliches Ende geschaffen. Eros hat seinen Ausflug in das Mondenreich überstanden und wichtige Erfahrungen gemacht. Nun soll Fabel ihn in das Reich des Geistes begleiten. Dort soll er seine Braut, Prinzessin Freya, erwecken und sich dann mit ihr vermählen: „Wirf das Schwert weg, rief Fabel, und erwecke deine Geliebte! Eros ließ das Schwert fallen, flog auf die Prinzessin zu, küsste feurig ihre Lippen. Sie schlug ihre großen dunklen Augen auf und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.“

So wird die sich entwickelnde, die irrende und abschweifende Menschenseele durch die Kunst dahin geführt, dass sie sich mit der Freiheit vermählen kann.


NOVALIS

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